Babynahrung

Die schädlichen Auswirkungen des schrankenlosen Vertriebs von künstlicher Babynahrung und die Gefahren der Schoppenbabykrankheit gelangten erst Anfang der siebziger Jahre ins öffentliche Bewusstsein. 1974 publizierte die englische Organisation «War on Want» die Studie „The baby killer“, welche sich hauptsächlich auf Untersuchungen in Afrika stützte und anhand eindrücklicher Beispiele und schockierender Bilder die möglichen negativen Konsequenzen der Flaschenernährung aufzeigte. Dieser Bericht wurde mehrfach aufgelegt und in verschiedene Sprachen übersetzt.

Noch im selben Jahr nahm sich in der Schweiz die „Arbeitsgruppe Dritte Welt Bern“ der deutschen Übersetzung an. Sie gab der deutschen Fassung einen neuen, pointiert-provokativen Titel: „Nestlé tötet Babys“. Im Vorwort wies die Arbeitsgruppe darauf hin, dass sie sich angesichts des unethischen Verhaltens des Konzerns dazu verpflichtet fühle, die Öffentlichkeit in der Schweiz, dem Mutterland von Nestlé, auf die Ergebnisse der Untersuchung aufmerksam zu machen. Nur Wochen später reichte Nestlé eine Strafklage wegen Ehrverletzung gegen die Mitglieder der Arbeitsgruppe ein. Der Gerichtsfall endete schliesslich mit einer symbolischen Verurteilung der Angeklagten, wobei Nestlé im Vorfeld drei der vier Anklagepunkte fallen liess.

Das Thema der Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten fand bald auch in den USA Resonanz – vorab in kirchlichen Kreisen. Als die anfänglich angewendete Strategie, durch Vorstösse an Aktionärsversammlungen die Konzerne zur Verhaltensänderung zu bewegen, fehlschlug, wuchs die Bereitschaft für schärfere Massnahmen. 1977 rief eine Koalition von verschiedenen Organistionen („Infant Formula Action Coalition“, INFACT) zum Boykott von Nestlé auf. Schliesslich berief die Weltgesundheitsorganisation WHO gemeinsam mit dem Uno-Kinderhilfswerk UNICEF 1979 ein Treffen aller relevanter Akteure ein. Erstmals waren, neben Regierungs- und WirtschaftsvertreterInnen, auch Nichtregierungsorganisationen (NGOs) eingeladen. Im Verlauf der Zusammenkunft beschlossen die beteiligten Organisationen, darunter auch die Arbeitsgruppe Dritte Welt, ein internationales Netzwerk zur Überwachung der Babymilch-Industrie zu gründen; so entstand 1981 IBFAN. Dieses WHO/UNICEF-Meeting war bahnbrechend, es läutete die Ausarbeitung eines internationalen Kodex über die Vermarktung von künstlicher Babynahrung ein.