Offener Brief: Bilanz ein Jahr nach Übergabe des Holcim-Manifests

Sehr geehrter Herr Fontana

Vor einem Jahr hat Ihnen Barbara Rimml, Vorstandsmitglied von MultiWatch, an der Generalversammlung vom 17. April 2012 das von hundert Prominenten unterzeichnete Holcim-Manifest überreicht. In einem Brief an die Erstunterzeichnenden vom April 2012 hielten Sie gemeinsam mit Verwaltungsratspräsident Herrn Rolf Soiron fest: „Holcim ist der nachhaltigen Entwicklung verpflichtet. Holcim hat hohe Standards, wie sie im ‚Manifest’ gefordert werden. Richtigerweise werden wir daran gemessen.“ Auch im persönlichen Gespräch vom 27. August 2013 zeigten Sie sich grundsätzlich mit den im Manifest enthaltenen Forderungen einverstanden. Heute stellen wir jedoch fest, dass sich hinsichtlich der Umsetzung der Forderungen kaum etwas bewegt hat.

Im sogenannten „Leadership Journey 2012-2014“ kündigten Sie im Frühjahr 2012 an, dass der zentrale Fokus auf der Gesundheit und Arbeitssicherheit sowie der Stärkung des sozialen Dialoges liege. Dies haben Sie VertreterInnen von MultiWatch im oben erwähnten Gespräch bestätigt und angefügt, dass Holcim mit allen Beteiligten über dieses Thema sprechen wolle. Im „Holcim Position Paper on Contractors“ ist denn auch festgehalten, dass Holcim sich dafür verantwortlich sehe, mit unter Vertrag genommenen Firmen Arbeitssicherheitsrisiken zu identifizieren und entsprechende Kontrollen einzuführen und zu überwachen.
Am 31. Januar 2013 starben bei einem tragischen Unfall im Holcim-Zementwerk Ambuja Cement in Chhattisgarh/Indien fünf Holcim-Mitarbeiter. Gemäss Berichten aus Indien war der Aschebehälter überladen, Unterhaltsarbeiten waren unterlassen worden und obwohl zwei Jahre vor dem Unfall auf Mängel in der Befestigung des Behälters aufmerksam gemacht worden war, wurden keine Massnahmen durch das Unternehmen ergriffen. Der Behälter brach durch fünf Etagen hindurch und riss fünf Beschäftigte in den Tod. Es bestehen für alle Zementanlagen klare technische Sicherheitsvorgaben und die sicherheitstechnischen Instruktionen für die einzelnen Produktionsprozesse sind bekannt. Nur scheinen diese Vorgaben nicht durchgesetzt zu werden. Kommt hinzu, dass keine Rettungsdienste vor Ort waren und dass nach dem Unfall schwere Fehler passierten: Auf Auftrag der Unternehmensleitung wurde Wasser in das Gebäude gespritzt, damit sich der Zementstaub legte. Dieser verfestigte sich dadurch, was die Bergung der Arbeiter massiv erschwerte.

Ihr Unternehmen verspricht im „Holcim Position Paper on Contractors“ faire Arbeitsbedingungen für indirekt Angestellte: „Holcim exerts its influence to make sure that Contractors are paid at least the local industry rate or minimum wage stipulated by national law – whichever is higher –, and that Contractors benefit from social security schemes acording to national legal standards.“
Die Situation der LeiharbeiterInnen in einem anderen Holcim-Zementwerk in Indien – ACC Ltd in Jamul – hat sich trotz dieser Versprechungen im letzten Jahr nicht verändert. ACC Ltd wurde bereits in erster und zweiter Instanz von indischen Gerichten verurteilt, weil dort LeiharbeiterInnen zu deutlich schlechteren Bedingungen und zu tieferen Löhnen beschäftigt werden als Festangestellte. Dies widerspricht der indischen Gesetzgebung und dem in der Branche gültigen Cement Wage Board Agreement. Noch immer weigert sich die Holcim-Tochter ACC Ltd, die gefällten Gerichtsurteile zu akzeptieren und die Leiharbeitergewerkschaften als Sozialpartner zu akzeptieren.
Auch im Holcim-Ambuja-Werk im Baloda Bazar District arbeiten bei 431 Festangestellten insgesamt 2264 Leiharbeitskräfte, wie kürzlich in einem Bericht in einer Aussage des Assistant Labour Commissioners zu lesen war. Das sind über 80 Prozent Contract workers, obwohl diese gemäss dem Cement Wage Board Agreement nur bei Lade- und Verladearbeiten sowie in aussergewöhnlichen Spitzenzeiten eingesetzt werden dürften.

Aus einer Medienmitteilung des European Forum Restricted Committee of Worker’s Delegates und der European Federation of Building and Woodworkers vom 22. Februar 2013 ist zu entnehmen, dass die Versprechungen im „Leadership Journey“ gegenüber den ArbeiterInnen nicht nur in Indien nicht umgesetzt werden. Vielmehr stehen die Versprechungen gegenüber den Aktionären im Vordergrund, nämlich 1,5 Milliarden Franken Extragewinn im 2014. Ein Jahr nach Einreichen unseres Manifests muss festgestellt werden, dass Holcim dieses Ziel hauptsächlich auf Kosten der ArbeiterInnen zu erreichen versucht. Auf der ganzen Welt werden Stellen abgebaut, ArbeiterInnen entlassen, Werke geschlossen oder verkauft, Investitionen gestrichen, Löhne gekürzt und Arbeitszeiten verlängert. Die betroffenen ArbeiterInnen beklagen sich über die mangelnde Information zu den Restrukturierungsplänen und fordern adäquate Informations- und Konsultationsprozesse.

Angesichts der dargelegten Tatsachen wird deutlich, dass die Forderungen des Holcim-Manifests in keiner Weise umgesetzt worden sind. Wir fordern Sie deshalb erneut auf, die Forderungen, die wir Ihnen im Anhang noch einmal beilegen, auch wirklich in die Tat umzusetzen, so wie Sie es wiederholt in Aussicht gestellt haben.
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